Ein Blunck-Märchen
HERR EKENBORG

Da wohnte bis vor kurzem ein Gutsbesitzer Ekenborg nicht weit von uns,
das war ein gelassener, kluger Herr, der sich nicht nur mit Stroh und
Hafer abgab, sondern auch an anderen Dingen seine Freude hatte.
Einmal kaufte er in der Stadt das Gemälde einer schönen Frau, das
wollte der Händler, von dem er es erstand, gern loswerden. Da ging
nämlich ein Spuk von dem Bild aus; die Leute konnten den Blick jener Frau
nicht ertragen, die in der Mitte stand und jeden Beschauer so traurig ansah,
daß er sie für lebend halten mußte.
Ekenborg bekam das Bild billig, obwohl es eine gute Arbeit schien; er
brachte es in sein Haus und ließ es mitten in der großen Halle, nur einen
Fuß über dem Boden, aufhängen. Und er setzte sich zum Abend davor
und wartete, was sich nach den Worten des Händlers an Spuk wohl begeben
würde.
Als nun die Sonne untergegangen war, begann die Leinwand wirklich
sich zu bewegen und leise zu rufen. Der Mann antwortete und fragte die
Frau im Bild, wer sie darein verzaubert habe. Da erzählte sie ihm, was
geschehen war. Der Ekenborger hörte von einem Maler, der sollte einst
für das Rathaus seiner Stadt ein Gemälde anfertigen und war so träge,
daß er, obschon die Zeit der Ablieferung herannahte, immer noch nichts
daran getan hatte. Es war aber in jenen Tagen eine Hagefrau aus ihrem
Wald ins Tor gekommen. Der Maler, der mit allerhand Zaubern bescheid
wußte, hat sie unter den Menschen erkannt und, weil er dadurch
Macht über sie gewonnen hatte, in die Leinwand verwunschen. So war
er seiner Arbeit quitt.
Das alles hörte Ekenborg an den Abenden, an denen er mit dem Bild
sprach. Und er hatte Mitleid mit der Frau, die, übermenschlich groß, ein
schönes, kluges Gesicht, sich vor ihm bewegte und zu ihm beugte.
Wer hat dich aber aus dem Rathaus fortgeschafft, fragte der Mann.
Da erzählte die Arme, daß sie keine Ruhe gegeben habe, und daß die
Wächter sich so sehr vor ihr gefürchtet und doch kein Wort von ihr
verstanden hatten, bis der hohe Rat das Hexenbild schließlich habe verkaufen
müssen. Er sei der erste, der wieder von ihr wisse, sagte die Frau und bat
Ekenborg von Herzen, sie zu erlösen. Aber wie ihm das gelingen könnte,
vermochte sie ihm nicht zu verraten.
Viel Mühe gab er sich, er hatte Mitleid und wollte das Unrecht der
Menschen an dem fremden Weib wiedergutmachen. Ein Hufeisen holte er
noch am späten Abend und legte es unter den Zuß der Frau, er glaubte
ja, das müsse ihr helfen. Sie vermochte auch den Schuh darauf zu setzen,
aber weiter ist sie nicht gekommen. Zum Weiß- und Schwarzdorn ging der
Mann in der Frühe; er hatte die beiden bösen Brüder nebeneinander
gepflanzt und erfuhr vielerlei aus ihrem Zank. Er brachte sie auch dazu,
über die Verzauberte zu sprechen, die im Bild wohnte, und sie stritten sich
wieder, aber sie wußten nicht, wie ihr zu helfen sei.
So lief der Sommer vorbei. Oft, wenn er von der Arbeit heimkam, saß
der Ekenborger vor dem Gemälde und erzählte der Fremden von seinem
Werk und Alltag und von seiner vergeblichen Mühe, ihr die Freiheit zu
bringen. Sie war ihm dankbar dafür, sie ist mitunter sogar bis vor die
Leinwand geschritten. Weiter vermochte der Mann sie nicht zu rufen.
Nun suchten zum Herbst, als das Getreide reif wurde, wandernde
Mäher das Gut auf und verdangen sich. Auch der Landstreicher Pusback
und der riesige Drescher waren unter ihnen. Die beiden sind ja ein Freundespaar,
das auf allen Höfen bekannt ist und gern in Dienst genommen
wird. Der Große tut nämlich Arbeit für vier, Pusback liegt während der
Zeit in der Sonne und hat Gesichte und erzählt den Leuten abends davon.
Aber so gern jeder den Faulpelz zum Henker jagen möchte, der Riese verdingt sich nur,
wo man auch Pusback aufnimmt. Die beiden hätten ein
Geheimnis miteinander, hieß es; einige sagten, daß der Dicke dem Drescher
seine Kraft leihe, solange er träume, noch andere wollten wissen, daß der
Große einen Kummer hege oder nach einem Schatz auf der Suche sei.
Gerade darüber schwieg Pusback sich allerdinge aus, soviel er sonst vorm
Einschlafen zu schwätzen pflegte. Vielleicht gefiel ihm das Leben, so wie er
es führte, am besten, und er tat nur so, als wolle er seinem Makker helfen.
Nun hörte Pusback eines Tages auch von dem großen Bild, das Ekenborg
gekauft hatte und mit dem er des Abende, wie das Gesinde sagte,
halblaut zu reden verstünde. Die Leute lachten darüber, wieviel Geld der
Mann für dies Zeug ausgab, aber Pusback erklärte, der Herr hätte wohl
seine Gründe, und etwas hinge an jedem Antlitz, man müßte nur das
rechte Wort dazu wissen. Er ließ sich also heimlich von dem Mädchen
den großen Saal zeigen, in dem der Ekenborger seine Bilder aufgehängt
hatte. Aber vor diesem Gemälde ist auch ihm die Sprache verschlagen. Er
ist ganz dumm und bedrückt den Tag über hinter den Treibhäusern entlang
geschlichen und hat niemandem die Sache recht zu deuten vermocht. Ja,
so klug Pusback sein möchte, die Herrschaften sind ihm mitunter über. Er
hätte sich einen schönen Lohn verdienen können und ist über
sein Glück hinweg gelaufen.
Denn Ekenborg hatte sich inzwischen weiter überlegt, wie dem Weib zu
helfen sei. Und er hat endlich zu warten beschlossen, bis Frau Holle ihr
Pferd für den Umritt zäumte. Jeden Herbst ist nämlich aus dem Wald,
der zum Gut gehörte, eine große Schimmelstute aufgestanden; niemand
hat gewußt, woher sie kam, noch wer sie aufschirrte. Sie ist einfach mitternachts
dagewesen, hat sich nicht fangen lassen und ist mit Schellengeläut
vom Wald über das Gut nach Westen gelaufen. Aber schon gleich hinter
dem Gehöft muß sie sich aufgehoben haben, jedes Jahr ist sie zwischen
Garten und Dorf verschwunden.
Diesen Schimmel, so nahm der Mann sich vor, wollte er anhalten, um
ihn zu fragen, ob er vielleicht die Frau im Bild ins andere Reich mit
führen könne. Es war ihm mit viel Eindringlichkeit gelungen, die Verzauberte
bis zu seinem Stuhl zu locken, ja, einmal, in einer Neumondnacht, hat er die Arme bis
vor das Tor zu bannen vermocht; weiter
hat seine Kraft nicht gereicht, sie hat traurig in ihr Bild heimkehren
müssen.
Nun hat Elenborg sich aber nicht getraut, das Pferd allein anzuhalten,
er hatte es oft genug vergeblich versucht. Da ist ihm der starke Drescher
eingefallen, der im Leutehaus wohnte. Und er hat ihn am Abend rufen
lassen und hat ihm gesagt, er habe zur Mitternacht noch für ihn zu tun.
Auch Pusback, der Wichtigtuer, ist wachgeblieben, er mußte ja bei allen
Geheimnissen dabeisein.
Als nun das Hollenpferd gleichwie jedes Jahr silbergrau wie ein Nebel
aus dem Wald näher gekommen und über den Hof gelaufen ist, hat der
Ekenborger den Drescher gerufen, das Tier einzufangen. Der hat es mit
seinen riesigen Armen an der Mähne gepackt, hat mit ihm gekämpft,
und es ist wirklich nach vielem Stampfen und Steigen müde geworden.
Als Ekenborg das sah, ist er flugs zum Zauberbild hinübergeeilt, hat die
Frau gelockt und noch einmal alle beste Kraft zusammengenommen, um
sie aus der Wand heraus auf den Flur und vom Flur die Treppe hinab
bis vor das Tor zu wünschen. Und er hat sie, während er vor Erschöpfung
fast atemlos war, beschworen, ihre Augen auf das Tier zu richten und auf
den riesigen Drescher, der es an der Mähne festhielt.
Als sie das nun tat, hat es sich wie ein Wunder begeben: der Schritt
der Frau ist auf einmal leichter geworden, der große Drescher hat einen
Namen gerufen und den Schimmel beinah fahren lassen, so unbändig hat
er der Fremden entgegengewartet. Und der Ekenborger Herr und Pusback
aus seinem Versteck haben gesehen, wie die zwei einander gegrüßt haben.
Das Weib ist federleicht aufs Pferd gesprungen, und der Mann hat
das trabende Tier vom Hof herabgeführt. Danach haben die Horcher die
Stimmen der beiden wie die von Kindern bis fernhin jauchzen hören.
Und es ist wohl an dem gewesen, daß der Drescher sich bei den Menschen
verdungen hatte, um sein Weib wiederzufinden, und daß der Kluge
Ekenborger zuletzt den richtigen Weg entdeckt hat, um die arme Frau im
Bild zu erlösen. Der Segen ist seitdem auch nicht mehr von seiner Arbeit
gewichen, das war wohl zum Dank für sein gerechtes Erbarmen. Pusback
aber, der so viel Weisheit haben will wie das halbe Land zusammen und
mit jedem Unirdischen Freund zu sein prahlt, hat eine gute Gelegenheit
vorbeigehen lassen. Er hat sich zwar bald aufgemacht und in der Heide den
beiden Fremden nachgeforscht. Er hat indes nichts als einen alten Löffel
vor seinen Fußen gefunden, der war immer voll von großen Bohnen, die
Pusback am liebsten ist. Schade, daß er sich bei seiner Unmäßigkeit schon
bis zum Winter daran übergegessen hat.