Facette Herbstlicher Konjunktiv Das Leben Tenderness Krankes Kind Der Narr Zeitflug Straßencafe Mein Bett Quedlinburg Lob der Faulheit Fliegende Küßchen Sonett...sind Musen nicht Einsicht Der Lyriker Der Brunnen Mädchen am Fenster Sabinäh! Lied vom Legomann Mittelmaß Mathespaß mit einer kleinen Frau

Facette

Wenn ich nur eine Facette
hätte,
dann wäre ich ziemlich flach,
ach.
Wär nur ein zweidimensionaler Edelstein,
würd von der Seite gar nicht zu sehen sein.
Das wäre ein ziemlich gefährliches Leben,
der kleinste Windstoß könnte mich heben.
Gleich einem Blatte würde ich fliegen
und irgendwo plötzlich im Drecke liegen.
Der Hausmeister käme und nähme den Besen,
das wär dann mein reichhaltiges Leben gewesen.

Herbstlicher Konjunktiv

Da haben wir noch ein paar sonnige Tage
im bald in die Tonne geworfenen Jahr.
Vergessen sind Frost und der Nebel am Morgen,
es zählt ohnehin nicht, was gestern mal war.

Die Loggia liegt voller rotbunter Blätter,
das Bänkchen steht mittendrin fast wie im Wald.
Und ich würde gerne mit Dir jetzt dort sitzen,
noch scheint ja die Sonne, doch Abend wirds bald.

Wir würden ganz eng aneinander dann rücken
auf unserem Bänkchen im Herbstsonnenschein,
nichts sagen und tun, ab und zu nur ein Küßchen
und wünschen, es müßte auf ewig so sein.

Die Ruhe im Wald kommt heraus auf die Straßen
und wir säßen da im entschwindenden Licht.
..........
Doch es geht ja nicht.

Das Leben

Du willst mit Kumpels kräftig einen heben,
doch plötzlich macht Dein Magen nicht mehr mit
und irgendwer schreit laut und schrill "igitt".
Jetzt weißt Du:
Das störende am Leben ist das Leben.

Du bist grad beim Gedankennetze weben,
das Schreiben geht Dir locker von der Hand,
doch Druck im Darm zerreißt der Worte Band.
Da weißt Du:
Das störende am Leben ist das Leben.

Du hast grad die Strukturtapete kleben,
rührst neuen Leim und nimmst Dir noch ein Bier.
Die Freundin - geht mit Koffer aus der Tür.
Du weißt schon...
Das störende am Leben ist das Leben.

Du wolltest niemals mehr Dein Herz vergeben
und Ruhe sollte einzieh'n tief in Dir,
doch läuft da diese Frau Dir ins Visier.
Ach, weißt Du:
Das störende am Leben ist das Leben.

Tenderness

You goddam ocean of tenderness,
I'm pressed by your marvellous water.
You goddam jacket of tenderness
I feel cold in your warm and safe cover.
You goddam castle of tenderness
I´m afraid of your goldly sparkling mirrors.
You goddam resort of tenderness
I feel sick.

Krankes Kind

Ich stell mir den Tod nicht so komisch vor :
Ein alter Mann mit nichts auf den Rippen,
zusammengehalten vom Glauben an sich.

Was kann er tun mit mir, der alte Wicht,
wenn er mich umgesäbelt.
Wegtragen nicht.

Ich stell mir den Tod oft als Vogel vor :
Hoch fliegend im Blau dort über den Klippen.
Und nach da oben, da holt er auch mich.

Er weiß genau die Stunde, auch den Ort.
Das Ziel will ich nicht wissen.
Will nur fort.

Der Narr

Diese Überschrift,
sie kam mir gerade recht
in all ihrer aufgeblasenen
Bedeutungslosigkeit.

Riesengroß die Schrift.
Zwei Worte schneide ich davon ab.

"EIN NARR"

Ich klebe das auf den Spiegel,
oben.
Dann geh ich zurück.
bis ich im Ganzen mich sehe.
Und denke ein wenig an Hamlet.

Zeitflug

Gestern,
als ich mit Kastanien schoß
quer über die Straße,
war heute so weit.

Heute
sind schon meine Füße kalt.
Ich mache mich langsam
für Morgen bereit.

Morgen
vergeß ich die Pläne dann
und lebe gestorben
in zeitloser Zeit.

Straßencafé

So so, die Tische stehn draußen, wie schön!
Und schon sitz ich faul auf dem Hocker.
Es soll zwar gesund sein, spazieren zu gehn,
doch seh ich das jetzt mal ganz locker.

Die Kaffeemaschine, die kennt mich noch
die Kellnerin flitzt wie auf Rädern
Den Wetterfrosch treibts auf der Leiter hoch.
Man redet von neunzehn Grädern.

Nun hat wohl auch jeder den Winter satt,
und wartet auf Eismanngebimmel.
Die Blümchen wetteifern mit Farbe und Blatt
Der Lift fährt zum siebenten Himmel.

So nebenbei zieh ich 'nen Kognac rein,
und lab mich an Luft wie Seide
Die Mädels packen die Mäntel ein,
sind wieder ‘ne Augenweide.

Ach, schön ist es in meinem Logensitz
der Gehweg dort ist eine Bühne.
Der Bühnenbildner zeigt Fülle und Witz,
und freundlich ist fast jede Miene.

Hier stehn jetzt vier Gläschen mit Luft darin,
mein Zustand scheint mir ziemlich offen.
Weiß nicht, ob ich dithyrambisch bin,
oder glücklich und etwas besoffen.

Mein Bett

Mein Bett hat mich gefragt nach Dir, mein Schätzchen,
es meint, da wäre jederzeit ein Plätzchen.
Ein altes Bett, das muß es schließlich wissen:
Der Platz reicht aus beim Lieben und beim Küssen.

Es würd sich amüsieren, wenn Du's glattziehst,
es weiß ja, daß Du später nicht mal hinsiehst
und kräftig mithilfst, wenn wir es zerwühlen.
Da wüßt' es dann, daß wir uns wohl drin fühlen.

Und solltest Du ein wenig zu laut stöhnen,
das könnt' es leicht mit Quietschen übertönen.
Ein Stehaufmännchen fände es recht niedlich,
ein Glühwürmchen, das wär ihm viel zu friedlich.

Am Morgen wird es uns 'ne Pause gönnen,
daß wir beim Frühstück Kräfte sammeln können.
Und später muß es vor Vergnügen quieken,
wenn uns die Krümel in den Hintern pieken.

Quedlinburg

Laufen, so leicht
über schwere Steine jahrhundertealt,
das macht mich jung.

Mein Blick voraus
durch Häuser um Ecken siebenmeilenweit,
ich seh Dich schon.

Und da bist Du,
atemloser Mund küßt Mund zu atemlos.
Wer braucht schon Luft.

Lob der Faulheit

Die Vroni singt leise den Sommernachtstraum,
und ich sitze hier unter'm Apfelbaum.
Der Wein, den ich trinke, der kommt von da oben,
was Küche und Keller gezeigt, ist zu loben.

Den Meisten ist es ja heute zu warm,
selbst ich trage jetzt mal ein Hemd ohne Arm.
Ich fange erst richtig an, aufzuleben,
wenn Spinnen zu faul sind, ein Netz zu weben.

Erst wollt ich auch wirklich was Sinnvolles tun,
doch hier ist ein Ort, um auszuruhn.
So lasse ich jegliche Arbeit bleiben,
und ganz besonders das Verseschreiben.

Mathespaß mit einer kleinen Frau

Nun laß mich bedecken Deinen Körper ganz sanft
mit hundert zärtlichen Küssen,
doch werd ich am Ende wegen Mangel an Platz
bei neunzig aufhören müssen.

Doch hab keine Sorge, meine Liebe, denk nicht,
die Küsse sind knapp bemessen,
an einigen Stellen, das weiß ich schon jetzt,
werd ich das Zählen vergessen.

So wirst Du denn später versinken im Glück,
wie schön ist es das zu erleben.
Bei dreihundertdreißig bist Du wieder so weit,
drei Küßchen zurück mir zu geben.

Doch bin ich ganz sicher, daß auch Du nun probierst,
mehr Küsse auf mir zu verteilen.
Drum werd ich wohl besser, da Dein Mund mich beglückt,
nicht länger beim Rechnen verweilen.

Fliegende Küßchen

Ein kleines Küßchen laß ich um Dich kreisen
im Flugzeug sieben Zentimeter lang.
Du solltest schnell den Landeplatz ihm weisen,
ein kleines Flugzeug hat 'nen kleinen Tank.

Zehn kleine Küßchen laß ich um Dich kreisen
so schnell, daß Dir beim Hinsehn schwindlig wird.
Sind mutiger, da sie in Gruppe reisen,
paß nur schön auf, damit sich keins verirrt.

Einhundert Küßchen laß ich um Dich kreisen
wie Hummeln, die vom Klee besoffen sind.
Dann suchen sie in Deiner Kleidung Schneisen
und Rock und Bluse flattern wie im Wind.

Ich will nun diese Schneisen eilig nützen
bis zu den Stellen, die sie sich erwählt.
So laß ich suchen meine Fingerspitzen
und finde sie...doch das wird nicht erzählt.

Sonett - sind Musen nicht

Die Musen umschwirrn mich wie Motten das Licht,
um zärtlich zu küssen des Dichters Stirne,
doch eine gönnt es der Anderen nicht,
drum sitze ich hier nun mit leerer Birne.

Die Reime entfliehn mir wie Nebel im Wind
verstreun sich im Wirbel der schönen Frauen.
Ich hasche danach wie ein spielendes Kind
und schwupp wird mir auf die Finger gehauen.

Drum merke Dir, bist Du beim Verseschleifen,
wart ab, was die Musen dir zugestehn.
Vermeide es, an ihre Beine zu greifen!

Und möchtest Du jemals sie wiedersehn,
laß Deinen Kopf von den Wolken streifen,
doch bleib mit den Beinen auf Erden stehn.

Einsicht

Wenn Du dort kämest
vom Hügel herab
mit diesem Gang so schwebend
und eigen nur Dir,
wie würd ich Dich lieben.

Wenn Deine Schritte
in Richtung zu mir
nicht doch noch weg Dich führten
zu Anderen hin,
wie würd ich Dich lieben.

Wenn schon genügte
ein einziger Blick
zu öffnen meine Seele
zum Eintritt für Dich,
wie würd ich Dich lieben.

Doch Du bist in Eile,
und in Dich gekehrt.
So wart ich wieder, morgen
um Dich zu sehn.
Wie muß ich Dich lieben.

Der Lyriker

Der Lyriker, das arme Schwein,
der sitzt in seinem Kämmerlein
und will der Welt was Gutes tun,
läßt nicht mal nachts die Feder ruhn.

Auch wenn im virtuellen Spiegel
er Spuren sieht von Wortgeprügel
und Wunden, die Kritik geschlagen,
er wird es immer wieder wagen.

Berühmt zu werden nach dem Tod
und dieserorts zu wenig Brot -
er weiß genau, das will er nicht,
drum schreibt er, bis die Feder bricht.

Doch wird sein Seelchen weiterfrieren,
wenn er's nicht schafft, zu kombinieren
das innerliche Glockenläuten
mit elefantendicken Häuten.

Der Brunnen

Ruft man in den Wald,
so schallt es heraus,
sagt man.

Vergißt,
daß vieles drin bleibt.
Und was kommt,
verleugnet die Richtung.

Ehrlicher ein Brunnen:
gibt alles zurück.

Ist wie ein Mensch:
Antwortet sofort,
wenn er flach.
Antwortet später,
wenn er tief.
Gedankentief.

Und bist Du nicht achtsam,
nimmt er Dich.
Ganz.

Mädchen am Fenster
Ein virtueller Dialog

Bunte Lämpchen,
hübsch im Kreis sich drehend,
doch nicht für mich.

Bunte Musik,
herüberwehend in dünnen Fäden,
wenn der Wind es will.

Bunte Sehnsucht,
manchmal wachsend zu GRELLBUNT
und schmerzend dann.

Einsamer Abend,
Blick aus dem Fenster, blicklos,
wie schon so oft.

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Jetzt laß aber mal die Gardine los, Mädchen,
sie hat schon Falten an dieser Stelle!

Und höre:

Du hast doch Augen
zu prüfen und zu bezaubern dann,
wenn Zauberei lohnt.
Du hast doch Lippen
zu fragen und zu küssen dann,
wenn Gewißheit ist.
Und Charme hast Du für drei.

Blind,
innen und außen,
muß der Mann sein,
der sich nicht prüfen und fragen ließe
von dir
Fühlen müßte er, es lohnt sich.

Wenn nicht, laß ihn.
Ja, laß ihn.

Und laß die Erfahrenen.
Sie scheuen nicht Prüfen noch Fragen,
sie warten darauf.
Und haben die Antworten alle,
schön passend für Dich.

O, diese Augen,
O, diese Lippen....

Du hast sie noch lange.
Finde Dein LEBEN
und laß Dich von niemanden drängen.

Doch wisse:
Nicht Frauen können Dir raten,
selten genug sich selbst.
Nicht Männer können Dir raten,
gar nicht.
Ich selbst in all meiner Liebe
darf nicht, so weh mir's auch tut.
Weiß nur,
Öffnen allein hilft finden.

Und wundre Dich nicht,
wenn Du entschieden hast, später.
Lange noch wirst Du meinen,
Du hättest nun doch falsch gewählt.

O ja, diese Augen,
O ja, diese Lippen...

Du hast sie noch lange.
Aber auch jetzt!
Jeden Mann darfst Du ansehn
und NEHMEN von ihm ein wenig,
ohne zu GEBEN.
Das steht Dir zu,
hübsches Weib, das du bist,
und kluges.
Gibst schon so viel durch Deine Nähe.

Und jetzt, mein Lieb,
schau aus dem Fenster, sieh hin
und sag Dir:

Bunte Lämpchen,
hübsch im Kreis sich drehend,
ja, auch für mich.

Bunte Musik,
zu hören in dünnen Fäden,
lauter werdend beim nähergehn.

Bunte Sehnsucht,
etwas davon bleibt immer,
das halt ich aus.

Sabinäh

Ich könnte das nicht eine Stunde,
Sabinäh,
schlau reden, als ob ich jetzt mitregier.

Gelaber in weltfremder Runde,
Sabinäh,
Du saugst es glatt auf wie ein Klopapier

Dein Blick, der ist wie 'ne Hypnose,
Sabinäh,
der klammert die faltigen Männer fest.

Ne prima Betroffenheitschose,
Sabinäh!
Das zieht ihren Pinseln den letzten Rest.

Die Fragen, die sollen sie ausziehn,
Sabinäh,
doch sie haben neunhundert Hemden an.

Zu Dir ins Licht kommen sie gern hin,
Sabinäh,
hier könn' sie sich spreizen wie'n Auerhahn.

Bei Michel wirds feucht in der Hose,
Sabinäh!
Er freut sich, wie Du sie da zappeln läßt.

Zum Sendeschluß noch 'ne Rose,
Sabinäh!
Die Ehrlichkeit feierte heut ein Fest.

Legomann

Mein lieber kleiner Legomann,
nun siehst du, es wird Alles gut.
Bist nicht mehr nur der Saubermann,
darfst rauslassen Deine Wut
  Hast Häuschen bau'n müssen und Kräne drehn
  und mußtest immerzu propper aussehn.
  Das hast Du jetzt satt, das sieht man ja ein,
  drum darfst Du nun auch mal der Bösewicht sein.

Deine Väter ham' sich angepaßt,
mein schnuckliger Legomann,
auch Du bist nun ein Powertyp
und näher am Leben dran.

Topclever sein ist angesagt,
da mußt Du auch was dafür tun
und grimmig das Gesicht verziehn,
wie'n Held aus dem Monstercartoon.
  Dann hurtig hopsen hinein in den Renner,
  vom Highway schubsen die anderen Penner.
  Im richtigen Leben da wär'n sie jetzt tot,
  im Legoland wird nur die Scorebox rot.

Deine Väter.....
auch Du.....

Gar lange hast du nichts gedurft,
als lauter so'n Kinderkram,
und höchstens mal Piratenjagd,
und immer hübsch fair und lahm.
  Die Transformer ballerten anderswo,
  Du hast es verpennt auf dem Puppenklo.
  Hast nicht gedurft, was die Kinder so lieben:
  Cool Autos zerschrotten und Unfälle üben.

Deine Väter.....
auch Du.....

Den Kindern hast Du beigebracht
das Denken und Konstruier'n,
hey, laß mal diesen Quatsch jetzt sein,
Du mußt für's Leben trainier'n.
  Zusammen spiel'n ist megaout
 und kreativ ist krank,
  Film und Werbung zeigt es uns
  tagtäglich gottseidank.
  Kaputtgemachtes wird neugekauft
  und hilft damit dem Markt,
  Gewalt ist Übung für Leben und Krieg
  und macht uns dafür stark.

Mittelmaß

Hey ihr Typen,
strengt Euch mal'n bischen an,
sonst seid ihr morgen Mittelmaß,
wenn ihr so weitermacht.
Also trainiert schön. Auch im Kopf.

Du da, Mediengeiler,
morgen wirst Du zwei Leichen öffnen
vor drei Kameras mit vier nackten Assistentinnen
Und übermorgen im Kindergarten.
Nun wetze die Messer.

Gnädigste
werden nicht die Augen zumachen,
wie beim letzten Flug durch den Film-Feuerball.
Und eh ichs vergesse: Morgen sind's zwei.
Natürlich auch mehr Leichen und Scherze.

Na klar, Actionheld,
wirst Du morgen ein Kind erschießen.
Alte Leute, das bringt optisch nichts. Aber Tiere
und Kinder. Das kommt beim nächsten Film.
Und übe zielen, ein Kind ist klein.

Genau, Filmbösewicht,
Du wirst den bösen Diktator spielen.
Die Leute brauchen ein Ziel für ihre Wut.
Der Held da wird für sie kämpfen gegen Dich.
So bleiben sie in den Pantoffeln.

Aber sicher, Weißkittel,
wirst Du anschließend ein Baby schlachten.
Oder soll's Dein Kollege machen?
Wir haben das doch nicht umsonst gezüchtet
als goldkackendes Ersatzteillager.

Ja doch, Sensibelchen.
Mach Deinen Naturschutzfilm.
Aber vergiß nicht: Geld gibts für Quote.
Also denk dran: Auch Tiere poppen.
Kapiert? Na siehst Du.

So nicht, Filmfritze!
Du wirst die Kamera schön draufhalten
auf Tränen und Tote und blutige Unfallopfer.
Billiger gehts nicht, die Leute zu härten
für die kommenden Kriege.